Die Orgel unserer Petruskirche

Kantorin Beate Zimmermann stellt die Orgel vor:

 

Geschichte der Orgel

 

Die Gerlinger Petruskirche wurde 1463 auf den Resten einer bereits 1275 urkundlich erwähnten Vorgängerkirche erbaut. Doch erst im Jahr 1678 erhielt die Kirche ihre erste, damals noch einmanualige Orgel. Sie war nach den überstandenen Wirren des 30-jährigen Krieges gestiftet worden, stand im Chorraum auf einer kleinen Empore und war über eine kleine Treppe von außen zugänglich. Drei Jahre später erhielt sie ihre barocken Verzierungen und den Anstrich durch den Maler H.W. Buchenau, der auch schon die Bilder für die Empore gemalt hatte.

 

Nach notwendigen Reparaturen in den Jahren 1700 und 1738 wurden 1739 schließlich ein Pedal mit drei Bassregistern sowie der Zimbelstern eingebaut.

 

Bei der großen Kirchenrenovierung 1741 ließ Pfarrer Fackler die Orgel auf die gegenüberliegende Empore versetzen, wodurch der Kirchenraum mehr Licht erhielt und die Schönheit des Chorraumes besser zur Geltung kam. Aber bereits 1744 holte man sie auf Wunsch der Gemeinde wieder in den Chorraum zurück.

 

1746 beauftragte man einen "herumziehenden Orgelmacher" mit der Stimmung der Orgel.

 

Im Jahr 1796 nahm Orgelmacher G.L.Koch aus Oberboihingen dann eine durchgreifende Ausbesserung der 10-registrigen Orgel vor. Sie wurde um ein Prinzipal 8’Register erweitert, um, wie es hieß, den "grilligen Orgelton stärker und männlicher zu machen". Das Orgelgehäuse erhielt rechts und links schön verzierte, mit Urnen abschließende Seitenfelder. In diesem Zustand verblieb die Orgel nun für die nächsten 100 Jahre. Seit 1898 wurde sie jährlich von der Orgelbaufirma Weigle in Echterdingen gestimmt und gewartet.

 

Da das Pfeifenmaterial im Laufe der Zeit zerdrückt und verbogen war und die Zinnpfeifen des Prinzipal 8’ im 1. Weltkrieg beschlagnahmt und eingeschmolzen worden waren, fasste man 1921 den Beschluss zum Neubau einer Orgel in das bestehende Gehäuse. Erstmals gab es elektrischen Strom zur Windversorgung. Bis dahin hatten Balgtreter für den gleichmäßigen Winddruck gesorgt.

 

1941 entfernte man die Orgelempore im Chorraum und das Instrument wurde auf den Boden gesetzt, so dass das Deckennetzgewölbe ganz neu zur Geltung kam.

 

Im Jahr 1968 schließlich baute die Fa. Weigle den heutigen Spieltisch mitsamt der mechanischen Spieltraktur, einer elektrischen Registertraktur und Spielhilfen in das inzwischen denkmalgeschützte Gehäuse ein. Neue Register kamen hinzu. Pfeifen, die zuviel Blei enthielten, wurden ersetzt, die Tretbälge wurden endgültig abgebaut.

 

Nach den großen Ausreinigungen in den Jahren 1982 und 1999 durch die Orgelbaufirma Mühleisen, Leonberg, und die folgende Betreuung durch die Fa. Güldner, Heimerdingen, fand im Januar 2013 eine gründliche Sanierung unserer Orgel statt.

Ausreinigung Januar/Februar 2013

- Beschreibung der Renovierungsarbeiten

 

Nachdem die Petruskirche von Mai bis Dezember 2012 restauriert und verschönert wurde, lag es nahe, in diesem Zusammenhang auch die Sanierung der Orgel vorzunehmen. Seit der letzten großen Ausreinigung hatte sich eine Menge Staub in ihrem Innern angesammelt, Temperaturschwankungen und Heizungsluft hatten Risse im Holz verursacht, Lederteile waren spröde geworden und Filze abgenutzt. Das hieß: Alle 1850 Pfeifen mussten ausgebaut und gereinigt, zum Teil ausgebeult oder gelötet werden. Ebenso wurden die Klaviaturen herausgenommen und überholt und unzählige mechanische Kleinteile auf Abnutzungserscheinungen überprüft und repariert oder ersetzt. Auch der Klang der Orgel sollte neben den technischen Sanierungsarbeiten

noch verbessert werden.

 

Zwar verhindert der Bogen zwischen Chorraum und Kirchenschiff eine volle Klangentfaltung in den Kirchenraum, trotzdem gelang es Orgelbaumeister M. Mauch aus Schwäbisch Hall zusammen mit seinem Mitarbeiter OBM T.Trefz, mehr Klangpräsenz bis in die letzten Kirchenbänke zu schaffen. Eine neue zusätzliche Pfeifenreihe einzubauen war aus Platzgründen nicht möglich, denn das barocke denkmalgeschützte Orgelgehäuse durfte nicht verändert werden. Also wurde im Pedal das leise Gemsrohrpommer 8’-Register durch ein etwas kräftigeres Violonbass-Register ausgetauscht und der 16’Pommer auf dem 1. Manual durch ein Trompetenregister 8’ ersetzt. Neu ist auch eine sog. Suboktavkoppel. D.h., die Töne des oberen Manuals können eine Oktav tiefer auf dem unteren Manual mitklingen.

Neben diesen 3 Veränderungen war die Überarbeitung der Intonation von maßgeblicher Bedeutung. Durch feinste technische Eingriffe gestaltete Herr Tilmann Trefz den Klang einer jeden Pfeife durchdringender, weicher oder strahlender und gab der ganzen Orgel dadurch noch mehr Kraft, Farbigkeit und Glanz.

 

Der Orgelsachverständige der Ev. Landeskirche in Württemberg Herr Volker Lutz, der in der Stuttgarter Region historische als auch neue Instrumente betreut und den Bau neuer Orgeln beaufsichtigt, hat die Sanierung von Anfang an beratend begleitet.

Disposition

Die Orgel verfügt über 27 klingende Register, verteilt über 2 Manuale und ein Pedal mit insgesamt ca. 1.850 Pfeifen

I. Manual (Hauptwerk)

Prinzipal 8’
Spitzflöte 8’
Oktave 4’
Flöte 4’
Nasat 2 2/3’
Oktave 2’
Waldflöte 2’
Terz 1 3/5’
Septime 1 1/7’
Mixtur 5-6 fach
Trompete 8’

Tremulant

 

II. Manual (Oberwerk)
Gedeckt 8’
Salizional 8’
Prinzipal 4’
Pommer 4’
Oktave 2’
Gemsquinte 1 1/3’
Scharf 5-fach
Oboe 8’
Tremulant

 

Pedal
Subbass 16’
Zartbass 16’
Oktavbass 8’
Violonbass 8’
Choralbass 4’
Rauschpfeife 2 2/3 und 2’
Basszink 3-fach, 2 2/3
Stille Posaune 16‘
Tremulant

 

Spielhilfen

Koppeln

II/I, I/P, II/P, Suboktav II 16/I

3 freie Kombinationen
Tutti

Zimbelstern

Zimbelstern

 

Kleines Glossar

 

Disposition:

Liste aller Register einer Orgel und Darstellung ihrer Verteilung auf die einzelnen Werke sowie aller sonstigen Spielhilfen. Aus der Disposition ist das Klangkonzept und die Klanggestalt zu erschließen.

 

Fuß:

Längenmaß im Orgelbau (ca. 32 cm). Angegeben wird die Länge der tiefsten Pfeife eines Registers, z. B. Prinzipal 16 Fuß (16‘).

 

Gedackte:

Labialpfeifen sind mitunter am oberen Ende nicht offen, sondern geschlossen („gedeckt“ oder „gedackt“). Sie klingen dann eine Oktave tiefer und dunkler. Registernamen: Bourdon Gedackt , Rohrflöte, Untersatz, Subbass.

 

Hauptwerk:

Wichtigstes Teilwerk einer Orgel, auf dem vorwiegend kraftvolle, strahlende Stimmen mit breiter Klangwirkung angeordnet sind.

 

Intonation:

Wichtig für den Klang der Orgel. Sie legt den Klang jeder einzelnen Pfeife hinsichtlich Ansprache, Intensität und Klangfarbe nach den Vorstellungen des Intonateurs und den akustischen Gegebenheiten des Kirchenraumes fest.

 

Koppel:

Vorrichtung in der Spielanlage, die es ermöglicht, die einzelnen Teilwerke untereinander zu verbinden. Dadurch können die Register anderer Manuale auf einen Manual oder im Pedal spielbar gemacht werden.

 

Manual:

Mit den Händen zu spielende Klaviatur. Jedes der übereinander angeordneten Manuale entspricht einem Teilwerk der Orgel.

 

Mixtur:

Register, bei denen auf einer Taste mehrere hochliegende Pfeifen gleichzeitig erklingen. Sie bewirken den orgeltypisch glänzenden, strahlenden Klang. Die Bezeichnung „4-fach“ gibt die Anzahl der Pfeifen pro Taste an, die dann erklingen; nämlich in diesem Beispiel vier. Registernamen: Mixtur, Zimbel, Scharf

 

Pedal:

Mit den Füßen zu spielende Klaviatur. Sie steuert das gleichnamige Teilwerk der Orgel an, in dem die Bassregister ihren Platz haben.

 

Prinzipal:

Hauptregister der Orgel mit kräftigem, substanzreichem Ton.

Registernamen: Prinzipal, Octave,  Quinte

 

Register:

Pfeifenreihe von einheitlicher Bauweise und Klangcharakter. Zur Kennzeichnung der Tonlage eines Registers wird die Höhe der tiefsten Pfeife ( z. B. 8‘) angegeben. Bei einem 8‘-Register erklingen die tatsächlich im Notentext notierten Töne, bei einem 4’-Register erklingen sie eine Oktave höher, bei einem 16‘-Register eine Oktave tiefer etc.

 

Spieltisch:

Arbeits- und Spielplatz des Organisten. Neben den Klaviaturen befinden sich hier die Züge der einzelnen Register und Koppeln, der Setzer, Schwelltritt,  Licht- und Motorschalter.

 

Traktur:

Mechanische Verbindung von Taste und Pfeifenventil durch dünne Holzleisten (Abstrakten) und Winkel, im späten 19. und 20. Jahrhundert auch pneumatisch oder elektrisch betätigt.

 

Tremulant:

Vorrichtung in den Windkanälen einer Orgel, die den Orgelwind zum Beben bringt und damit dem Ton der Pfeifen ein Vibrato verleiht.

 

Wind:

Die zur Klangerzeugung nötige komprimierte Luft. Der Druck wird gemessen in mm Wassersäule.

 

Zungenstimme:

Hier wird der Ton durch eine schwingende Metallzunge (lat. Lingua = Zunge) aus Messing erzeugt und durch Schallbrecher verstärkt und veredelt. Er ähnelt dem von Blechblasinstrumenten, daher auch die Bezeichnungen wie Trompete, Posaune, Oboe

 

(Volker Lutz, aus: „Klingende Kostbarkeiten, ausgewählte Orgeln in der Region Stuttgart“)

 

 

Weiterführende links zum Thema Orgel:

 

http://www.orgelstudio.com/orgelbaukunde-haupt.htm

 

http://www.mh-stuttgart.de/veranstaltungen/veranstaltungskalender/veranstaltungen/veranstaltung/orgelkonzert-am-sonntagnachmittag-1530-uhr-orgelfuehrung-voranmeldung-ueber-stuttgart-marketing-0/