Gentechnik in unserer Nahrung

 Pfarrer Wilfried Braun zum Thema Gentechnik anlässlich einer Podiumsdiskussion "Gentechnik in unserer Nahrung - Chancen und Risiken" am 21.11.2004 im Gemeindezentrum Petrushof:
 
"Das Essen vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse sei es gewesen, das Adam und Eva jenseits von Eden beförderte. Die ersten Menschen, von denen die Bibel erzählt, zugleich Urbilder von Mann und Frau überhaupt, Erdmensch und Lebensmutter - nichts anderes bedeuten ja die beiden Namen, diese ersten beiden Menschen hätten sich, im Streben danach, Gott gleich zu sein, gerade das Umgekehrte, nämlich die Trennung von Gott eingehandelt. Und was sie für sehr erstrebenswert hielten, das Unterscheiden- und Entscheiden-Können - war plötzlich mühevolle Last, wurde unter der Hand zum Unterscheiden- und Entscheiden-Müssen.
 
Nun hilft es nicht, dem verlorenen Paradies nachzutrauern, so wenig wie der Versuch, die anstehenden Probleme bis zum jüngsten Tag aufzuschieben und einstweilen möglichst viel beim Alten zu lassen. Auf kaum einem Feld aber, sowohl der gegenwärtigen Wirtschaft als auch des modernen Lebens überhaupt, scheint mir die Härte des Fluchs des Unterscheiden-Müssens und die schwere Last des Ringens um das Gute so deutlich spürbar zu sein wie im Bereich der Gentechnologie. Und die Wissenschaftspuristen, die meinen, jegliche Ethik ausklammern zu können und die Maxime propagieren "Der Mensch darf, was er kann," sind zurecht in deutlicher Minderheit.
 
Was aber sollen wir tun? Gen-Mais herstellen, anbauen, essen, verbieten oder verbrennen?
 
Forschungsoptimisten meinen, gentechnisch veränderte Lebensmittel könnten helfen, das Hungerproblem der Welt zu lösen. Das wäre ein ethisch höchst erstrebenswertes Ziel. Nur lag ja in der Vergangenheit die Schwierigkeit eher in der fragwürdigen Verteilung als in der zu geringen Menge der auf der Welt vorhandenen Lebensmittel.
 
Ein Kernproblem unserer Wirtschaftspolitik könnte gelöst werden, wenn wir Deutschen unsere Einkaufstüten und unsere Mägen endlich auch mit der Unbefangenheit unserer amerikanischen Freunde füllen würden, so war neulich aus berufenem Mund zu hören. Die vielen zusätzlichen Arbeitsplätze in Pharma- und Biotechnik-Industrie müssten den Appetit doch merklich steigern. Behagliche Wohnwärme kann neuerdings auch durch das systemische Verheizen von Weizen gewonnen werden. Dessen Ertragsmenge wiederum könnte durch entsprechende gentechnische Eingriffe so gesteigert werden, dass sich das auch lohnt. Wer aber könnte es einem hungernden Afrikaner verdenken, wenn er dagegen ähnlichen Zorn empfände wie die bettelarmen Württemberger, die seinerzeit mit ansehen mußten, wie ihr Herzog seiner Mätresse mitten im Sommer eine Schlittenbahn aus Salz aufschütten ließ?
 
Sie hören die Fragezeigen, die ich an diesen Stellen setze. Und doch muss ich zugeben: Fragezeichen zu setzen ist hier - wie so oft - ungleich leichter als nach Antworten zu suchen. Ich will mich darum aber nicht drücken. Dass ich dafür die Bibel zu Hilfe nehme, wird Sie angesichts meines Berufes kaum wundern. Vielleicht spüren Sie im Folgenden aber auch, dass der Umgang mit den Inhalten dieses Buches für mich mehr ist als die Erfüllung von Berufspflicht.
 
"Du sollst das Böcklein nicht kochen in seiner Mutter Milch!" - so lautet eine alttestamentliche Rechtsvorschrift, die wahrscheinlich noch sehr viel älter ist als die uns so vertrauten Zehn Gebote. Viele Forscher schreiben, dass der Sinn dieses Satzes schon früh verloren gegangen und die heutige jüdische Praxis, Fleisch- und Milchprodukte beim Verzehr zu trennen, eher aus hilfloser Aporie denn aus gesicherter Tradition hervorgegangen sei. Ich bin aber der Meinung, dass man sich keineswegs heillos verrenken muss, um den Sinn dieser Vorschrift zu erfassen.
 
Es geht schlicht darum, ein Mitgeschöpf, in diesem Fall eine Ziege, nicht unnötig mehrfach zu knechten. Dass sie die Milch hergeben muss, die eigentlich für ihr Junges bestimmt ist, ist schon schlimm. Dass sie ihr Junges hergeben muss als Nahrung für Menschen, noch viel schlimmer. Der Ziege beides zu nehmen und dies dann auch noch ursächlich miteinander zu verbinden, das hieße ihre Demütigung auf die Spitze treiben. Bei deisem Gedanken wird in - für damalige und nicht weniger für heutige Verhältnisse - revolutionärer Anschauung davon ausgegangen, dass das Tier eine Antenne dafür hat, was der Mensch mit ihm und seinesgleichen tut, auch ohne dass es die Einzelheiten des menschlichen Handelns sieht.
 
Theologisch korrespondiert mit diesem Sachverhalt das Bekenntnis zu Gott als dem Schöpfer der ganzen Welt und dem Auftrag an den Menschen zu fürsorglichem Umgang mit seiner Mitwelt.
 
Freilich - der Riss, der seit Urzeiten durch die Schöpfung geht, spiegelt sich auch in der zitierten Vorschrift nur zu deutlich. So weit, das Töten des Böckleins zu verbieten, geht sie nicht. Man wird also mit Recht in ihr eine Art Notverordnung für eine gewisse Übergangszeit sehen können. Menschliches und kreatürliches Leben auf der Erde geschieht nicht mehr und noch nicht im Paradies. Die ganze Schöpfung liegt noch wie unter einem Joch, das sie seufzen macht und sehnlich auf Erlösung warten lässt, wie es der Apostel Paulus geschrieben hat. Zum Joch des Menschen gehört dabei, für die tägliche Nahrung sorgen zu müssen. Nicht weniger und gerade darin aber auch das Erkennen-Müssen des unter den gegebenen Voraussetzungen möglichst Guten, d.h. auch das Aufstellen und Einhalten von entsprechenden Gesetzen und Rechtsvorschriften.
 
Apropos Joch: "Du sollste dem Ochsen, der da drischt, nicht das Maul verbinden." Diese viel bekanntere und nicht weniger praktische Anweisung des Alten Testaments bestätigt meines Erachtens die eben aufgezeigte Grundlinie so deutlich wie die Aufforderung, auf dem Feld immer nur einen Erntevorgang durchzuführen und keine Nachlese zu halten. Letzteres hatte allerdings in faszinierender Weite nicht nur das Eigenleben des Feldes und den Fortbestand der Getreideart, sondern auch die Not der sozial Schwachen und das Überleben der Vögel unter dem Himmel im Blick.
 
Ich fasse zusammen: Wer von Bibel oder Theologie eine Paragraphensammlung in Sachen Gentechnik erwartet oder befrürchtet, tut dies grundlos. Wer aber aus biblischen Texten und christlicher Verkündigung die Behutsamkeit und zugleich die Deutlichkeit heraushören kann, mit der uns Gott der Schöpfer davor bewahren will, Tier- und Pflanzenwelt als totes Verfügungsmaterial zu missbrauchen, wird für sich selbst und für seine Mitwelt großen Gewinn daraus haben.
 
Die Erkenntis: Ich stehe diesem Tier, dieser Pflanzenart, diesem Lebensgefüge als einem je eigenen Gottesgeschöpf gegenüber, das seine eigene Würde und Kostbarkeit hat, und ich bin als Mensch vor Gott dafür verantwortlich, dass diese Würde und Kostbarkeit gewahrt wird. Diese Erkenntnis ist für Wissenschaft, Menschheit und Welt nicht ein ärgerlicher Hemmschuh, der den Eintritt ins Goldene Zeitalter der Machbarkeit hindert, sondern ein Schlüssel zu glückendem Leben mit Zukunft und Hoffnung."